Frieda Knapp

Farbe begreifen – Poetik des paradoxen Bildraumes

Dem Auge wächst die Malerei Schicht für Schicht entgegen. Flächen beginnen sich zu überlagern. Es entsteht ein feines Relief aus Farbe, aus millimeterdünnen, leicht erhabenen Linien und aus farblich kontrastierenden Flächen. Mal scheinen diese Elemente auf der Bildfläche zu schweben, eine Illusion, oder sie sind ganz konkretes Material, farbige Substanz, deren Textur und Leuchtkraft variieren. Kleinste Farbsetzungen und Liniengeflechte schaffen räumliche Tiefe und kompositorische Spannung. Kontrastwirkungen erzeugen einen Klang. Durch ein Zusammenspiel ähnlicher oder unähnlicher Farbwirkung und Formen entstehen Akkorde und Stimmungen, die sich auf der Leinwand ausbreiten, ohne zeitliche Richtung. Die Gleichzeitigkeit vieler solcher im Bild versammelter Momente lässt den Blick schweifend werden. Er geht von einem Detail zum nächsten über, geleitet von einer eigenen Suchbewegung. Der Versuch, den Blick an einem Element fest zu halten, macht aufmerksam auf die Unbeständigkeit des Augenblicks. Die einmal ausgemachte Konstellation ist beim zweiten Hinschauen schon zu einer neuen geworden. Flächen und Linien sind Bestandteile einer Komposition, die im Prozess des Malens immer komplexer wird und sich bis ins mikroskopische Detail fortsetzt. Die Farbsetzungen beziehen sich auf einen Gegenstand und schweifen wieder davon ab. Sie reagieren auf kleine Veränderungen im Gefüge des Bildganzen. Das sehende Auge und die wirkende Hand spielen sich gegenseitig Impulse zu. Es wird etwas ausbalanciert. Im Kosmos des Bildes kann man sich malend verlieren, aber auch Entdeckungen machen. Das Sehen kann für Augenblicke zum Begreifen werden. Ein Bild ist ein Bild. Poetik entsteht aus der Verbindung des maltechnischen Experimentierens mit der Bildidee. Einen Teil der Welt so ins Blickfeld zu rücken, heißt immer auch, etwas darüber zu sagen, wie das Ganze gesehen werden kann. Die beobachtete Welt, ein flüchtiger Gedanke, eine Erinnerung, ein Begriff werden auf Form und Farbe reduziert. Assoziierend versammeln sie sich im Tableau. Was dabei geschieht, folgt nur zum Teil den anfänglichen Erwartungen. Bilder müssen im Raum erfahren werden. Erst durch eine Bewegung im Raum und durch ein sich veränderndes Licht vermitteln sie dem Betachter alle ihre Impulse. Wo die Grenze des Bildes zum Raum verläuft, liegt im Auge des Betrachters. Mein Arbeiten mit Farbe reagiert auf die Wahrnehmungen der Welt. Es beginnt damit etwas ins Bild zu setzen, das momentan Bedeutung hat. Die zeitlich ausgedehnte Wiederholung einer Form oder eines Begriffs, wie das Aufsagen eines Mantras, überführt den Gegenstand meiner Betrachtung in eine zeichenhafte und rhythmisierte Bildsprache. Es ist ein Versuch, verschiedene Eindrücke in einem Bild zusammenzufügen. Erlebte Zeit, Licht, Klänge, alltägliche Geräusche, Stimmungen einer Tages- oder Jahreszeit fließen hinein. Es sind flüchtige Eindrücke, die ich in einem Gefüge aus Farbmaterial einzuschreiben versuche. Die Dauer dieser Arbeitsweise erzeugt im Bild ein Konzentrat des jeweiligen Themas und, vielleicht, einen eigenen Ton. Die Zweidimensionalität des Bildes, obwohl sie zunächst als Beschränkung verstanden werden kann, ist bei genauerem Hinschauen von großer „Geräumigkeit“. Trotz der Beschränkung auf die Fläche kann sich der Raum des Bildes in viele Richtungen öffnen. Bildideen können auf paradoxen Raumvorstellungen basieren; Räume die gedacht sind, Räume, die aus der Bedeutung entstehen. Sie können zu einem Bildraum verschmelzen und in ihm entstehen, gegen alle Regeln der Perspektive. Wirklich werden diese Verhältnisse erst, weil ich geduldig versuche, eine Vorstellung ins Bild zu setzen, und weil ein Betrachter die Freiheit hat, sie wahr zu nehmen.